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Hannover Sunshine Tours: Ignoranz und Einzelfall

Fußballvereine geben sich in aller Regel große Mühe das Vertragsverhältnis mit dem eigenen Anhang zu regeln. Zahlreiche Juristen werden damit betraut, AGBs zu entwerfen, Stadionordnungen einzubeziehen, Kartenweiterverkäufe auszuschließen, Vertragsstrafen vorzubehalten und dergleichen mehr. Was aber geschehen kann, wenn ein Vertragspartner seinerseits auf Einhaltung der Verpflichtungen besteht, kann man derzeit in Hannover beobachten.

Die inzwischen weitestgehend wohl bekannte Idee, Auswärtskarten zunächst zu verlosen und dann auf einer zwangsweisen Kaffeefahrt im Bus zu verteilen stieß nicht unbedingt auf ungeteilte Gegenliebe. Besonders bei denen nicht, die eine Auswärtsdauerkarte ihr Eigen nennen und damit das vertraglich verbriefte Recht in den Händen halten, ohne weitere Beschränkungen Karten für Auswärtsspiele zu erhalten. Nicht jeder erkannte offenbar die Notwendigkeit derartiger Pläne und einige befassten das örtliche Amtsgericht mit Vertragsfragen. Den ersten Anwurf in diese Richtung wehrte der Verein noch ab. Man gab den Antragstellern Ende der letzten Woche kurzerhand Ehrenkarten, woraufhin das Gericht die Eilbedürftigkeit des gestellten Antrags nicht mehr erkannte. Schön, nur eben nicht das, was vertraglich geschuldet war. Höherwertigkeit hin oder her. So sah es das Amtsgericht dann auch bei zehn weiteren Antragstellern und verpflichtete am Freitag den Verein, diesen nun, notfalls über einen Gerichtsvollzieher, die berechtigterweise geforderten Karten herauszugeben.

Schon das Procedere für sich genommen ist bemerkenswert. Es wird allerdings nochmal durch die weitere Reaktion des Vereins übertroffen. An der Leine beabsichtigt man nämlich offensichtlich nicht, das Ergebnis zu akzeptieren. Sicherheit müsse über vertraglichen Verpflichtungen stehen, soll es dazu von Vereinsseite geheißen haben.

Quasi sofort nachdem man die Problematik mit den Auswärtsdauerkarten bemerkte, folgte jedenfalls die Ankündigung, diese zur nächsten Saison hin kurzerhand abzuschaffen. Kann man machen. Ob's für besonders guten Umgang mit dem eigenen, reisefreudigen Anhang spricht, darf aber wohl bezweifelt werden. Nur um das einmal klarzustellen: Betroffen sind von der Zwangsanreise via Partybus nicht etwa sog. Problemfans, sondern jeder Dauerkarteninhaber, der sich dazu entschlossen hat auch Auswärtsspiele zu besuchen und hierfür gern Karten reserviert wissen möchte. 250 an der Zahl sollen es sein. Die intransparente Tombola betrifft gar jeden, der überhaupt eine Karte kaufen will.

Hannover 96 geht aber sogar noch ein Stückchen weiter und denkt nicht im Traum daran, nun wenigstens die gerichtlichen Entscheidungen akzeptierend, den Berechtigten für das anstehende Derby ihre Karten zu geben. Dafür müsste schon jeder einzelne gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen, schimmert es durch eine Stellungnahme des Vereins. Dass das Ganze bei 250 Betroffenen den Verein am Ende über 37.000 € zzgl. diverser Anwaltsgebühren kosten dürfte, ist offenbar egal.

Juristisch wähnt der Verein sich auf der sicheren Seite. Die Beschlüsse des AG Hannover seien Einzelfallentscheidungen und schon deshalb nicht allgemein verbindlich heißt es dort. Das ist erst einmal richtig. Im Zivilrecht wirken Entscheidungen, sogar Urteile, nur zwischen den jeweiligen Parteien, was durchaus zu absurden Ergebnissen führen kann. Eine ablehnende Entscheidung in weiteren einstweiligen Anordnungsverfahren wäre demnach theoretisch möglich, aufgrund der klaren Vertragsgestaltungen und der identischen Sachverhalte aber gleichwohl äußerst unwahrscheinlich.

Hannover 96 hat mit seiner Haltung dennoch möglicherweise gleichsam das Tischtuch mit den eigenen Fans zerschnitten und überdies eine Büchse der Pandora geöffnet. Man hat gezeigt, dass man sich im Zweifel nicht einmal an das selbst gesetzte Recht gebunden sieht; jedenfalls wenn man meint, Gründe dafür zu haben. Mit welchem Argument wollte man künftig nun auf eben diese Bestimmungen verweisen,  wenn Fans ihrerseits Regeln ignorieren und auf Einzelfallentscheidungen hinweisen? Um solche handelt es sich nämlich z.B. auch, wenn der BGH über Stadionverbote entscheidet oder ein OLG über Regresspflichten für Verbandsstrafen. Möchte man wirklich künftig jeden Einzelfall, ohne den leisesten Versuch einer vorherigen einvernehmlichen Klärung, vor Gericht austragen? Das kann sehr schnell sehr teuer werden, wäre aber nun wohl nichts mehr, worüber man sich wundern müsste.  

Hannover 96 hat sich entschieden, künftig keine Argumente mehr auszutauschen und den Dialog mit seinen Fans ausschließlich vor Gericht zu führen. Es bleibt zu hoffen, dass der Verein sich mit diesem Vorgehen innerhalb der Liga isoliert. Klare Worte anderer Vereine dazu wären wünschenswert, sind aber wohl kaum zu erwarten. Zu erwarten ist aber, dass es im Laufe des Samstags weitere Einzelfallentscheidungen geben wird, auch wenn man in Hannover vielleicht gehofft hat, das die Zeit dafür zu knapp wird.

 

Update 07.04.2014

 

Das Derby ist inzwischen Geschichte und, siehe da, es wurde weder zu einem Bürgerkrieg, noch zu einem wie auch immer gearteten Schreckensszenario. Abgesehen von den sportlichen Konsequenzen und dem Unmut einiger in Hannover vielleicht. Das ist schön. Unschön (hier könnten auch diverse andere Worte stehen) ist allerdings, wie der Verein, bzw. dessen Betriebsgesellschaft es im Laufe des Samstag noch schafften, weite Tropfen in das ohnehin schon volle Fass des Umgangs miteinander zu gießen und den Erlass weiterer einstweiliger Anordnungen zu verhindern. Ging ich oben noch davon aus, dass das Amtsgericht mehrfach entscheiden wird, fand man in Hannover eine Möglichkeit, dies durch einen Befangenheitsantrag zu verhindern und damit endgültig  jene Ignoranz in Stein zu meißeln, die ich dem Verein schon vorher unterstellt hatte.

 

Gut, jeder hat das unverzichtbare Recht einen erkennenden Richter wegen der Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Dieses Mittel hat Hannover 96 nun offensichtlich taktisch genutzt, um die selbstständige Anreise dazu berechtigter Fans faktisch zu verhindern. Winkelzug nennen das einige; Verein und Presse verbuchen es erst einmal als Teilerfolg in Sachen Sicherheit. Taktisch betrachtet war das Manöver in jedem Fall effektiv. Hut ab,  kann man so machen. Wenn man es aber so macht, darf man sich über Unverständnis, Wut und die Konsequenzen nicht wundern.

 

Prozessual vielleicht ein Knaller, war dieses Vorgehen ansonsten nämlich eine ziemliche Unverschämtheit. Sagte ich kürzlich noch, das Tischtuch zwischen Fans und Verein sei zerschnitten, wurde es nunmehr vollends zerfetzt. Die vertragliche Lage war bereits entschieden, wenn auch nicht in den weiteren Fällen, und da verwundert es kaum, dass dem gestellten Befangenheitsantrag verschwindend geringe Erfolgsaussichten attestiert werden. Hannover 96 ist und war eben im Unrecht und zwar aufgrund der eigenen AGB, nicht etwa wegen eines streitigen oder vielschichtigen Sachverhalts oder weil ein Gericht sich nicht mit den Argumenten auseinandersetzen hätte wollen. Sicherheitskonzepte schlagen einfach nicht jedes andere Recht, ob man es nun einsehen möchte, oder nicht. Der Verein hätte die Niederlage also akzeptieren oder zumindest die Rechtslage respektieren können. Dass er das so einfach nicht muss steht auf einem anderen Blatt. Dass er es aber aus Prinzip offensichtlich nicht will, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verantwortlichen und den Umgang mit den eigenen Fans. Letztere werden sich fragen müssen, ob sie künftig überhaupt noch einen Vertrag - und sei es nur über einen Stehplatz oder eine Bratwurst - mit diesem Verein schließen möchten.

 

Hannover 96 hat das Derby verloren. Das ist für die Fans sicher schlimm; nicht nur wegen des Abstiegskampfs. Zumindest die rund 1.000 Demonstranten von Samstag und sicher die weiteren Antragsteller, denen "ihr" Verein höchstpersönlich vor den Kopf stieß, dürften daneben aber am vergangenen Wochenende weit mehr verloren haben.  In Hannover wurde gezeigt, wie unwichtig die eigenen Fans in den Erwägungen einer KGaA sind. Einen "Teilerfolg" vermag ich darin wahrlich nicht zu erkennen. Er könnte es aber durchaus noch werden, wenn man berücksichtigt, dass das Verhalten des Clubs von der breiten Masse der Zuschauer auch durchgewunken werden könnte. Unwahrscheinlich ist das jedenfalls nicht. Vielleicht wäre es allmählich aber auch an der Zeit einmal aufzuzeigen, wie unwichtig eine KGaA für den Fußball sein kann.

 

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