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Foulspiel mit Folgen

Stellen Sie sich vor es ist Fußball. Ein Spieler ohne Ball hätte gern selbigen und entschließt sich zu einem harten einsteigen, welches dazu führt, dass der Spieler mit Ball nebst diesem auf dem Kunstrasen landet. In sicherer Erwartung eines baldigen Pfiffes hält er den Ball schon einmal fest. Der Pfiff hingegen bleibt aus. Der Verteidiger ist voll des Glückes ob der sich bietenden Chance und möchte nun seinerseits an den Ball. Deshalb tritt er gegen diesen, wobei er allerdings auch den am Boden liegenden mutmaßlichen Schwalbenkönig erwischt. Dieser wiederum kann so viel Ungerechtigkeit kaum ertragen, springt auf und es entwickelt sich eine hitzige Debatte, die in einem Gerangel und einer Tätlichkeit des Verteidigers endet.

Ich bin sicher, Sie alle haben so eine Situation schon einmal beobachtet oder gar selbst erlebt. Deshalb wissen Sie auch wie es weitergeht. Mindestens einer der beiden Streithähne bekommt Ärger mit dem Schiedsrichter und in der Regel wird der tätliche Missetäter unter die Dusche geschickt. Später werden häufig alle Beteiligten feierlich erklären, dass es eine emotional aufgeladene Situation war, die man nicht überbewerten soll. Von Kreisklasse bis zur Bundesliga ist das System bekannt.

Bei der Staatsanwaltschaft in Wuppertal sieht man das komplett anders. Dort nennt man die Tätlichkeit Körperverletzung und geht sogar noch ein bisschen weiter. So einen Schuh, noch dazu mit Stollen, kann man mit etwas Geschick auch als gefährliches Werkzeug betrachten und so wird die Körperverletzung zu einer gefährlichen, was immerhin die sportliche Mindeststrafandrohung von 6 Monaten Freiheitsentzug nach sich zieht. Kein schlechter Schnitt für die emotional aufgeladene Situation. Zur näheren Begründung bezog sich die Staatsanwaltschaft auf die erheblichen Verletzungen in Form eines Hämatoms und einiger Abschürfungen.  Juristisch ist dagegen im Kern obendrein kaum etwas zu sagen. Nach der Rechtsprechung des BGH sind "normale" Fouls, die zum typischen Ablauf der Sportveranstaltung gehören, zwar nicht strafbar, da sie von der Einwilligung der auf dem Platz stehenden Spieler umfasst sein sollen. Wenn aber nach Abschluss einer Situation getreten, geschlagen oder sonst wie grob regelwidrig getätlicht wird, gilt das nicht mehr so unbedingt. Und das nahezu jeder Schuh inzwischen erst einmal als gefährliches Werkzeug klassifiziert wird, ist eine bei Strafverfolgern beliebte Unsitte geworden.

So ein Vorwurf nebst Strafandrohung erhöht für Beschuldigte den Puls ungemein. Zum Glück war in diesem Fall aber das Amtsgericht willens, die Vorwürfe wieder auf das Geschehen auf dem Platz zu reduzieren. Die Gefährlichkeit der Körperverletzung ging den Bach runter und für die verbliebene einfach Körperverletzung gab es ein sehr erträgliches Ergebnis, nachdem alle Beteiligten einhellig der Meinung waren, dass so etwas normalerweise nicht vor ein Gericht gehört. Selbst der Geschädigte hatte erklärt, dass er nach quasi jedem Besuch des Fußballplatzes mit kleineren blauen Flecken und Abschürfungen übersät sei und beim besten Willen nicht mehr sagen könne, ob eine der Blessuren wirklich von der Rangelei oder doch eher vom Kunstrasen herrührte.

Hätte das Fußballspiel nicht zufällig in einer JVA stattgefunden, wo Disziplin zum unabdingbaren Erziehungsauftrag gehört, der es gebietet, neben umfassenden disziplinarischen Maßnahmen obendrein den Apparat der Strafjustiz anzuwerfen, wäre der Fall wohl auch nicht vor einem Gericht gelandet. Es kommt eben manchmal gar nicht so sehr darauf an, was jemand tut, sondern vielmehr, wer dieser jemand ist.

Promille

Es läuft gerade im Norden der Republik nicht besonders rund. Erstmalig in der Vereinsgeschichte bangt ein prähistorischer Fußballclub nahe Pinneberg um den Verbleib in der Bundesliga. Sein Sportchef steht in der Kritik und könnte bald ein gewesener sein. Grund genug, den Frust mit dem einen oder anderen hochprozentigem Getränk hinunterzuspülen. Jedenfalls wurde Herr Kreuzer mit Alkohol am Steuer erwischt. Wie viel es war, wissen wir nicht. Der Boulevard spricht von 0,98 ‰, der Focus von weniger als 0,5 ‰. Alle beziehen sich auf Angaben des SID und jedenfalls scheint demnach unstreitig zu sein, dass Herr Kreuzer erstens sein Auto stehen lassen musste und sich zweitens nach Polizeiangaben nicht strafbar gemacht haben soll.

Reden wir doch heute mal über Promille-Grenzen abseits des Fußballplatzes:

0,5 ‰

Die hier hat sich rumgesprochen. Wer mit mehr als 0,5 ‰ im Straßenverkehr erwischt wird und nicht mehr in der Probezeit ist wird, kriegt Ärger wegen einer Ordnungswidrigkeit. Es drohen  beim ersten Mal 4 Punkte, 500 € und ein Monat Fahrverbot. Beim zweiten Mal kosten die 4 Punkte 1000 € und man muss den Lappen für 3 Monate in amtliche Verwahrung geben. Letzteres gilt auch bei weiteren Verstößen, das Bußgeld hierbei beträgt dann aber 1.500 €. Zudem kann die Ordnungsbehörde auf die Idee kommen, eine MPU anzuordnen. Soviel also zum Ordnungsrecht.

Die strafrechtlich relevanten Grenzen machen es dann etwas unübersichtlich. Derer gibt es zwei.

0,3 ‰

Wer mit mehr als 0,3 ‰ erwischt wird, begeht zwar wie gerade gesehen noch nicht zwingend eine Ordnungswidrigkeit, kann allerdings schon Probleme mit der Staatsanwaltschaft bekommen. Nämlich dann, wenn er „alkoholbedingte Ausfallerscheinungen“ aufweist; etwa die berühmten Schlangenlinien fährt. Kommt es in der Folge dann zu einer Verurteilung, z.B. wegen Trunkenheit im Straßenverkehr (§ 316 StGB) oder einer Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c StGB) gibt es beim ersten Mal vom Strafrichter in der Regel eine Geldstrafe. Zudem ein schuldangemessenes Fahrverbot oder gar den Entzug der Fahrerlaubnis. Zudem gibt es 7 Punkte in Flensburg.

1,1 ‰

Ab 1,1 ‰ dann, sind die genannten Ausfallerscheinungen egal. Ab diesem Wert spricht der Jurist von absoluter Fahruntüchtigkeit. Gleich wie sicher man das Auto auch durch den Straßenverkehr bewegt droht hier dieselbe Verurteilung wie oben. Der Entzug der Fahrerlaubnis und eine Sperrfrist für einen Zeitraum von 6 Monaten aufwärts ist so gut wie sicher und obendrein fallen auch hier 7 Punkte an. Sehr häufig wird auch bei alkoholbedingten Fahrten im strafbaren Bereich natürlich mit einer MPU zu rechnen sein. Ab 1,6 ‰ ist diese sicher.

Dann also zurück in die Nähe der Arena der vielen Namen, deren gegenwärtigen ich grad nicht weiß und zur Berichterstattung über Herrn Kreuzer:

Hätte der Focus recht, hätte Herr Kreuzer unter Berücksichtigung dieser Grenzen nicht einmal Ordnungswidrig gehandelt. Da die Polizei dem Bericht zufolge betonte, eine Strafbarkeit läge nicht vor, wird er auch nicht unter Ausfallerscheinungen gelitten haben. Das deckt sich im Übrigen mit den meisten anderen Berichten, die von einer unauffälligen Fahrweise sprechen. In dem Fall hätte es aber keinen Grund gegeben, den Wagen stehen zu lassen bzw. die Weiterfahrt zu unterbinden. Alkohol und Vorbildfunktion hin oder her. Daher spricht vieles für den Wert des Boulevards von 0,98 Promille. In dem Fall hätte Herr Kreuzer ordnungswidrig gehandelt und deshalb nicht weiter fahren dürfen und gerade nochmal unangenehme Post von der Staatsanwaltschaft vermieden.

Dass die Polizei das ohne Blutprobe erledigt hat ist übrigens nicht selbstverständlich (Immerhin haben die Alkomaten der Polizei eine gewisse Fehlertoleranz), erklärt aber wohl die unterschiedliche Berichterstattung. Immerhin spricht der Focus von einem „Atemalkoholwert“ von weniger als 0,5 ‰. Wenn ein Betroffener in das Röhrchen bläst, wird die Atemluftalkoholkonzentration aber in mg/l gemessen und gerade nicht in Promille. Um dies umzurechnen, müssen die mg/l mit 2 multipliziert werden. Warum das so ist, können Mathematiker besser erklären als ich. Jedenfalls ist sehr wahrscheinlich, dass Herr Kreuzer 4,9 mg/l Atemluftalkoholkonzentration ins Röhrchen geblasen hat. Umgerechnet wären das die 9,8 ‰.

Warum erzähl ich das?

Es ist mir ziemlich egal, ob Herr Kreuzer zu Fuß geht, mit der Bahn fährt oder das Auto nimmt. Die verschiedenen Messwerte und Promillegrenzen sorgen aber neben dem Focus auch immer wieder für Verwirrung unter Betroffenen und solchen, die es werden könnten. Es kann nicht schaden, die Grundzüge einmal mehr zu erwähnen.  So soll es ja auch Menschen in anderen Situationen geben, die nach dem einen oder anderen Bier noch fahren. Sollte man nicht, weiß jeder, müssen wir nicht drüber reden. Aber vielleicht hilft es ja, den einen oder anderen Anflug mehr oder weniger gefährlichen Halbwissens in unpassenden Situationen zu vermeiden.

Und wo wir schon dabei sind, zum Schluss noch ein paar kleine Hinweise:

Natürlich gibt es keine Pflicht, in das besagte Röhrchen zu pusten. Niemand muss an seiner eigenen Strafverfolgung mitwirken. Wer die Zeit und Muße hat, die Beamten bei vorliegendem Verdacht ggf. aufs Revier zu begleiten und dort auf den Arzt für die Blutprobe zu warten, kann das tun. Ansonsten bietet es sich hier wie immer an, gar nicht erst mit den Herrschaften von der Polizei zu reden. Die Frage, ob Alkohol getrunken wurde, ist gefährlich. Die Frage, wann der Alkohol getrunken wurde, kann mitunter noch gefährlicher sein, weil sie die Rückrechnung betrifft und augenscheinlich vorteilhafte Antworten, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, schnell zu ziemlich negativen werden können.

Das soll dann jetzt aber auch reichen. Sie sind nicht Herr Kreuzer und Sie würden sich selbstverständlich nicht alkoholisiert ans Steuer setzen. Und das ist auch gut so.

Wintersport, Fußball und Strafrecht

Es geht wieder los. Mit dem Blog, mit der zweiten Liga und mit den olympischen Spielen. Wintersport, Fußball und Strafrecht? Reden wir also über Pyrotechnik und Doppelmoral.

Es ist noch nicht lange her, da wäre das Abbrennen bengalischer Fackeln nicht unbedingt eine Verbindungen zwischen diesen Themen gewesen. Wenn an verschneiten Sportstätten rote Lichter brannten war das immer noch etwas anderes, als wenn dasselbe in einem Fußballstadion geschah. Noch am Anfang des letzten Jahres wurde in einem sehr lesenswerten Kommentar in der RP-online eine "bemerkenswerte Doppelmoral" diesbezüglich festgestellt. Auch die Polizei gab sich damals noch ungewohnt zurückhaltend, sprach von lediglich drohenden Strafverfahren und erklärte, das LKA würde zunächst die Art des verwendeten pyrotechnischen Gegenstandes untersuchen. Zu Recht, wenn man die komplexe Struktur des Sprengstoffrechts betrachtet.

Es ist offensichtlich, dass etwas vergleichbares hier noch vor einem Jahr wenig einheitlich betrachtet wurde. Daraus folgt aber natürlich noch nicht, dass die weniger dramatische Sichtweise auch die richtige war und ist. Und so fallen die Reaktionen ein gutes Jahr später jedenfalls bei der Polizei auch in Sachen Wintersport schon ganz anders aus. Von zurückhaltender Aufklärung des Sachverhalts ist keine Rede mehr. Einleitungen von Ermittlungsverfahren wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung scheinen inzwischen auch im Skisport in Mode zu kommen. So z.B. gegen einen fackelschwingenden Zuschauer an der Schanze in Oberstdorf, wie u.a. der Westen und die Süddeutsche berichten.

Pyrotechnik als gefährliche Körperverletzung

Zu Recht werden viele sagen. Wer heiße Fackeln in Menschenmengen zündet nimmt erhebliche Verletzungen billigend in Kauf. Diverse Verfahren und Verurteilungen deswegen sind aus dem Fußball längst bekannt. Da kann der Einzelfall schon einmal egal sein, selbst wenn sich weder an den Vorschriften über die Körperverletzung, noch am Sprengstoffrecht in den letzten zwei Jahren etwas geändert hat. Für diejenigen, die dennoch etwas tiefer einsteigen wollen sei an dieser Stelle gesagt, dass man die billigende Inkaufnahme von der bewussten Fahrlässigkeit abgrenzen muss. Ja, die gibt es auch und sie unterscheidet sich von ersterer dadurch, dass man nur billigend in Kauf nehmen kann, was man auch kommen sieht und was dann subjektiv auch noch hingenommen wird. Geht jemand beim Anzünden seiner Fackel fest davon aus, dass nichts geschieht, sieht er genau das mitunter nicht. Geschieht dann doch etwas, liegt eine fahrlässige Körperverletzung vor. Den Versuch der Fahrlässigkeit gibt es nicht. Im Einzelfall ist das häufig schwer zu entscheiden, eine genaue Sachverhaltsaufklärung deshalb unentbehrlich.

Betrachtet man die sprengstoffrechtliche Qualifikation zugelassener bengalischer Feuer als wenig gefährlich, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass sie ihre sagenhafte Hitze in einem sehr geringen Radius entfalten, der zudem durch die Haltung in der Hand kontrolliert werden kann, wird man jedenfalls nicht zwingend und allgemein zu dem Schluss kommen können, dass jeder Fackelträger die Verletzung anderer Menschen im Sinn hat oder voraussieht. Erst recht nicht, wenn er, die Statistiken belegen dies, davon ausgehen kann, dass die wenigsten gezündeten Bengalfackeln zu Verletzungen führen. Man wird vielmehr weitere Umstände heranziehen müssen, die Aufschluss darüber geben, ob dem mutmaßlichen Täter eine zu erwartende Verletzung anderer Menschen wirklich egal war und man wird in jedem Einzelfall überprüfen müssen, was konkret vielleicht sogar unternommen wurde, um Beeinträchtigungen anderer auszuschließen.

Das alles kann der Polizei herzlich egal sein. Sie kann auf Pressekonferenzen erzählen und auf den Aktendeckel schreiben was sie möchte. Staatsanwälte oder erkennende Richter werden  (meistens) die Abgrenzung vornehmen, alle Umstände würdigen und das Ergebnis ggf. späte korrigieren. Bis dahin ist es allerdings in der Regel schon zu spät. Die Polizeimitteilung hat es in die Medien geschafft, des Volkes brave Seele brodelt und Lobbyisten aller Art können die Aufregung für ihre Zwecke nutzen. Spätestens jetzt sind Fakten und Zusammenhänge nebensächlich und wen interessiert dann noch der Ausgang des Verfahrens? Im Fußball jedenfalls kaum noch jemanden. Was spricht eigentlich dagegen, den Sachverhalt wertungslos darzustellen und Strafbarkeiten anhand bestehender rechtlicher Vorgaben zu erörtern? Anfang 2013 ging das zumindest im Wintersport offenbar noch. 2014 scheint sich die kritisierte "Doppelmoral" erst einmal erledigt zu haben.

Es steht wohl trotzdem nicht ernsthaft zu befürchten, dass hier nun derselbe Weg beschritten wird wie in Fußballstadien. Noch verhängt der DSV jedenfalls keine Verbandsstrafen, auch von Schanzenverboten örtlicher Skisportvereine und massiver Polizeipräsenz habe ich bislang nichts gehört. Die Veranstalter loben trotz der Missetaten weiter die friedliche Stimmung und der gewaltbereite Skisportsympathisant passt auch nicht recht ins Bild, zumal dieser selten in diffusen organisierten Gruppen auftritt. Das allerdings ist ein anderes Thema. Es bleibt für jetzt festzuhalten, dass jedenfalls die mediale Wahrnehmung sich auch in anderen Bereichen allmählich verändert. Die unterschiedliche Bewertung derselben Fackel auf verschiedenen Tribünen soll so offensichtlich losgelöst vom eigentlich relevanten Einzelfall keinen Bestand mehr haben.

Ich halte es für selbstverständlich, die zunehmende Verbindung zwischen Pyrotechnik und Gewalt anhand des Vorwurfs der versuchten gefährlichen Körperverletzung zurückzuweisen. Die Verwendung derartiger Gegenstände ist in Sportstätten in aller Regel verboten. Dazu bedarf es keines gesonderten Hinweises auf möglicherweise denkbare Gewaltdelikte. Man kann natürlich im Sommer wie im Winter über Pyrotechnik in Stadien  diskutieren - vielleicht sollte man das sogar - und man kann deren Erlaubnis nach wie vor mit guten Argumenten ablehnen. Vorschnelle und faktenarme Pauschalvorwürfe sind aber keine solchen Argumente. Auch nicht, wenn man sie inzwischen auf andere Sportarten ausweitet.

Ich möchte dieses Blog nun also auch inhaltlich gern weiterführen und mehr oder weniger (straf-)rechtliche Hintergründe zu den Themen aufgreifen, die in der Tagesberichterstattung zu kurz kommen oder meines Erachtens verzerrt werden. Vielleicht gelingt es damit, ab und an auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten. Für Anregungen und Hinweise bin ich natürlich jederzeit dankbar. Ihnen wünsche ich jetzt ein möglichst reges Interesse beim Lesen, viel Spaß beim Wintersport und eine erfolgreiche Rückrunde. In welcher Liga auch immer.

Straftäter oder Fußballfan?

Dass es eine Trennung zwischen „dem Kriminellen“ und „dem Fußballfan“ nicht gibt, sogar gar nicht geben kann, kann nicht oft genug erwähnt werden. Trotzdem wird sie immer wieder auf ein Neues bemüht, wenn es darum geht, die Verantwortung für Ausschreitungen, Polizeieinsätze und Straftaten in Stadien diffusen Personen zuzuschieben, die alles Mögliche, kaum aber Fußballfans sein können. Der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger gab der nw kürzlich ein Interview, in dem er einmal mehr schlussendlich genau diese Differenzierung forderte und im Zuge dessen den Schnitt diesmal direkt durch die Ultraszene zog. Diese sei, so wird er zitiert,

zum Teil gewaltgeneigt oder solidarisiert sich zumindest mit Gewalttätern. Andere Ultras wiederum verabscheuen Gewalt, machen soziale Projekte für den Verein. Wir müssen ganz klar unterscheiden zwischen Straftätern und Fans, die alles für ihren Verein geben.

Herr Jäger möchte offenbar den Eindruck erwecken, dass die Fans oder Ultras, die alles für ihren Verein geben grundsätzlich andere Personen sind, als diejenigen, die mitunter Straftaten begehen. Es mag für eine Gesellschaft im Allgemeinen und für Herrn Jäger im Speziellen vielleicht auch tatsächlich nicht schön sein zu akzeptieren, dass jemand, der im Verdacht steht, Gesetze überschritten zu haben oder dies tatsächlich getan hat, ansonsten ein durchaus engagierter Mensch sein kann, der sich zudem positiv in eben diese  Gesellschaft einzubringen pflegt. Zu bestreiten ist das aber dennoch nicht, betrachtet man die zahlreichen Familienväter und –mütter, Handwerker, Musikliebhaber, Bänker, Präsidenten von Fußballvereinen, Polizisten und alle anderen Personengruppen aus denen heraus sich ansonsten integere Menschen mitunter strafbar machen. Warum sollten ein Fußballstadion und dessen Besucher da die Ausnahme sein?

Sie sind es nicht und es ist wohl auch davon auszugehen, dass einem Innenminister dieser Umstand hinlänglich bekannt ist. Trotzdem scheint sich die genannte Differenzierung, längst nicht nur bei Herrn Jäger, einer hohen Beliebtheit zu erfreuen.

Nicht zuletzt dient sie ja dem oft geäußerten Wunsch nach einer Art Selbstregulierung auf den Rängen. Die öffentliche Präsentation namenloser Randalierer, deren einziges Ansinnen darin besteht, Unruhe zu stiften, ermöglicht es den „echten Fans“, die alles für ihren Verein geben, sich gegenüber jenen erhaben und im direkten Vergleich besser zu fühlen. Jedenfalls soweit sie selbst eine weiße Weste haben oder bislang nicht erwischt wurden. Dasselbe gilt in Richtung derer, die sich offenkundig mit eben diesen Straftätern, unterstellt natürlich auch mit deren Taten, solidarisieren.

Auf dem Reißbrett führt diese Unterscheidung mit der Zeit zu einer Ausgrenzung unerwünschter Personen und Gruppen, bis diese letztlich die Bühne für ihr Handeln und danach die Lust am Stadionbesuch verlieren und damit zu einer erhöhten Sicherheit. Die Sympathisanten dieser Nichtfans ereilt dasselbe Schicksal. Da kann es unter Sicherheitsaspekten, für die ein Innenminister immerhin zuständig ist, auch durchaus nützlich sein, wenn die Unterscheidung zwischen Straftätern, sogar Gewalttätern und Betroffenen präventiver polizeilicher Maßnahmen in der öffentlichen Wahrnehmung allmählich verwischt. So könnte zumindest theoretisch neben Straftaten auch anderes unliebsames Verhalten aus einem Fußballstadion verbannt werden.

In der Praxis führt das Schwarz-Weiß-Denken hingegen eher zu einem Zusammenrücken der in Verdacht geratener Gruppen, vermehrten Protesten, tatsächlichen Solidaritätsbekundungen und dem Gefühl einer voranschreitenden Kriminalisierung. Nicht unbedingt, weil die Kritiker und Unterstützer nunmehr kollektiv tatsächlich strafbares Verhalten gut heißen möchten. Eher, weil manch ein Stadionbesucher Woche für Woche einen ziemlich konkreten Eindruck davon erhält, wie schnell man erst zum potentiellen Sympathisanten strafbarer Handlungen und dann selbst zum Betroffenen der für notwendig befundenen Gegenmaßnahmen wird.   

Mit Differenzierung hat das wenig zu tun. Vielmehr offenbart sich einmal mehr ein Schubladendenken, welches weder geeignet ist, Gefahren abzuwehren, noch Straftaten aufzuklären. Ob man das nun Unsinn oder Populismus nennen möchte, ist eigentlich unerheblich. Sinnvoll ist es nicht.

 

Pyrokriminelle Ansichten

Dass Pyrotechnik in Stadien verboten ist, folgt regelmäßig bereits aus der Stadionordnung; dass ihr Einsatz u.U. gefährlich sein kann aus dem gesunden Menschenverstand.

Überdies verstößt man, so man sie nutzt, gegen das Sprengstoffgesetz und macht sich strafbar. Letzteres wird jedenfalls so geschrieben und hat sich zu einem gewissen Selbstverständnis entwickelt.  Umso überraschender dürfte sein, dass dies zwar durchaus der Fall sein kann, dieser Schluss aber entgegen der allgemeinen Auffassung dennoch nicht zwingend ist, wenn man den gesetzlichen Vorgabenwust des Sprengstoffgesetzes einmal genauer betrachtet. Ähnlich überraschen dürfte der Umstand, dass diese Ansicht von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) vertreten wird und vom Bundesinnenministerium trotz ausdrücklicher Anfrage unwidersprochen blieb.

Nun ja, verboten bleibt verboten. Wenn es aber keine generelle gesetzliche Vorschrift gibt, die den Einsatz jedweden Gegenstandes per se verhindert und unter Strafe stellt, ist es m.E. auch nicht nötig, denjenigen pauschal mit Argwohn zu begegnen, die sich für eine (kontrollierte und gesetzeskonforme) Nutzung aussprechen. Soweit jene ihre nicht zu beanstandende Auffassung in zulässiger Weise vertreten und nicht zündelnd durch die Gegend ziehen, ist daran nichts auszusetzen. Verantwortliche der Vereine, Verbände und der Polizei können die Argumente ignorieren, ihnen widersprechen, darüber diskutieren oder auch den Kopf schütteln. Sie müssen diesen Fans aber nicht Aufruhr und Kriminalität vorwerfen oder sich darüber beschweren, dass Fancodizes abgelehnt werden, die eine Abkehr von dem Interesse fordern.

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