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heute vor 25 Jahren...

Dieser Beitrag könnte jetzt vieles thematisieren, was zum Thema dieses Blogs passt. Angesichts des 25. Jahrestages der vielleicht größten Katastrophe im Zusammenhang mit einem Fußballspiel, angesichts von 96 Menschen, die völlig unverschuldet an diesem Tag in Hillsborough ihr Leben verloren, als sie sich eigentlich nur ein Pokalspiel ansehen wollten, verbietet sich derartiges. Wer möchte, kann die Hintergründe und Auswirkungen auf Wikipedia nachvollziehen. Gänzlich verstehen wird man sie wohl nicht.

Nein, dieses Jubiläum ist kein Anlass für Schuldzuweisungen und erhobene Zeigefinger; vielmehr dafür, den zahlreichen Fans, die Woche für Woche in die Stadien gehen ein "passt auf Euch und auf Eure Nebenleute auf" mit auf den Weg zu geben, auch wenn man den Menschen in den Kurven ein sehr sensibles Gespür für die wirklich wichtigen Dinge durchaus zusprechen kann. Erst am vergangenen Wochenende brach ein Familienvater vor der Gästekurve auf Schalke zusammen, während er eine Fahne schwenkte. Die Gäste aus Frankfurt stellten ihre Gesänge ein, der Rest des Stadions folgte, bis die Sanitäter den Mann forttrugen. Fußball ist, wenn es eben auch mal nicht um Fußball geht und daran sollte man sich an so einem Tag erinnern. Wirklich niemand sollte ein Stadion betreten, um von dort nicht mehr nach Hause zu kommen.

Die 96 von Hillsborough werden nicht vergessen. Nicht in Liverpool und nicht in anderen Kurven. Die Diskussion über den 15. April 1989 wird wohl weitergehen, dann sicher auch wieder mit Schuldzuweisungen und zu Recht erhobenem Zeigefinger. Das ist richtig und wichtig. Aber eben nicht heute.

YNWA!

rechtskräftige Entscheidung

Bereits letzte Woche war auf der Homepage des FC Augsburg zu lesen, dass es in dieser Saison zwei Strafen wegen "Flitzern" vom DFB gegeben habe. 3.000 € sollen es am 3. Spieltag und weitere 4.000 € am 19. Spieltag gewesen sein. Für den Einsatz von Pyrotechnik in der letzen Saison habe der Verein ebenfalls 4.000 € zahlen müssen. Nun teilt man mit, dass man diese Strafen erfolgreich an die weitergegeben habe:

 

Durch rechtskräftige Entscheidungen sind die Verursacher, die vom FCA direkt nach den Vorfällen bereits mit mehrjährigen und bundesweiten Stadionverboten belegt worden waren, nun auch rechtlich verpflichtet, die Geldstrafen an den FC Augsburg zurück zu zahlen.

 

Was auf den ersten Blick so plausibel klingt, kann mitunter auch ein bisschen komplexer sein. Der Regress gegenüber Fußballfans für Verbandsstrafen ist nicht unumstritten. In diesem Blog hatte ich bereits meine Probleme damit, insbesondere bzgl. des für Strafen auch im außerstrafrechtlichen Bereich eigentlich geltenden Schuldprinzips, kundgetan. Dass ich das keineswegs allein so sehe bestätigte ein ebenfalls bereits thematisierter Artikel in der NJW. Nun gibt es also in Augsburg rechtskräftige Entscheidungen, die diese Ansätze widerlegen.

Gerne hätte ich mich mit der Begründung auseinandergesetzt. Eine entsprechende Bitte an den Verein auf Übersendung der Entscheidungen in anonymisierter Form oder Bekanntgabe des Aktenzeichens wurde allerdings höflich unter Hinweis auf "vertrauliche Dinge" abgelehnt. Ebenfalls hatte ich allerdings gefragt, ob man mir wenigstens die Art der Entscheidung mitteilen könne. Auch hierzu schweigt der FC Augsburg.

Deshalb nur einmal zur Erläuterung:

Eine rechtskräftige Entscheidung kann selbstverständlich ein begründetes Urteil des örtlichen Amtsgerichts sein, welches nach einer ggf. streitigen, jedenfalls aber argumentativen rechtlichen Auseinandersetzung ergeht. Ebenso lägen aber rechtskräftige Entscheidungen auch dann vor, wenn der Beklagte das Anschreiben des Gerichts ignoriert und infolge dessen ein Versäumnisurteil kassiert. Auch ein Anerkenntnisurteil aus rein prozessökonomischen Gründen und ebenfalls ohne eine Auseinandersetzung in der Sache würde später zu einer rechtskräftigen Entscheidung. Sieht man den Terminus Entscheidung nicht ganz so eng und möchte einzig auf die Rechtskraft hinaus, wäre auch eine Verfahrenserledigung im Mahnverfahren denkbar. Reagiert der Anspruchsgegner auf einen vom Anspruchsteller erwirkten Mahnbescheid nicht, ergeht ein der Rechtskraft zugänglicher Vollstreckungsbescheid. Schlussendlich könnte man auch einen zwischen den Parteien geschlossenen Vergleich durchaus, wenn man es nicht ganz so genau nimmt, als rechtskräftige Entscheidung bezeichnen.

Was nun an der Frage nach der Art der Entscheidung aus Gründen der Vertraulichkeit unbeantwortet bleiben muss, weiß ich natürlich nicht, aber schön, dass der FCA überhaupt antwortet. Aus dem Schweigen zu schließen, dass es dann wohl kein begründetes Urteil war, zumal ja tatsächlich einiges dafür spricht, dass der Verein ein Interesse an der Mitteilung der tragenden Gründe haben könnte, wäre gleichwohl Spekulation. Angesichts der rechtlichen Schwierigkeiten in Sachen Regress bietet es sich aber ganz generell an, die geltend gemachten Ansprüche sorgsam zu überprüfen.  Möglichst noch vor einer wie auch immer gearteten rechtskräftigen Entscheidung.

Kölner Experimente - zwischen Platzverweis und Reiseverbot

Würde Union Berlins alte Försterei nicht in Köpenick sondern in Pankow liegen, hätte dieser Beitrag wohl eine andere, historischere Überschrift erhalten. Mal eben nach Ostberlin wären am vergangenen Freitag wohl ein paar Fans des 1. FC Köln mehr gefahren. Immerhin bestand die Möglichkeit, den eigenen Verein aufsteigen zu sehen. Die Bundespolizei hatte indes andere Pläne und übte sich im Austesten von Grenzen.

Bereits am Montag versandte die Behörde Schreiben an einige FC Fans, in denen ihnen zwischen Freitag und Samstag früh das Betreten aller Bahnhöfe zwischen  Dom- und Hauptstadt untersagt wurde. Auch die Züge, inklusive des von eines Sonderzuges, sollten danach für die Betroffenen tabu sein. Die Bundespolizei betont, dass sich die Maßnahme gegen Personen richtete, die bereits mehrfach durch Straftaten aufgefallen waren.

Rechtsgrundlage für derartige Reisebeschränkungen soll § 38 BPolG sein. Die Vorschrift erlaubt der Bundespolizei unter der amtlichen Überschrift "Platzverweisung" im Falle einer vorliegenden Gefahr, Personen vorrübergehend das Betreten eines bestimmten Ortes zu untersagen und sie von einem Ort zu verweisen.

Keine ganz neue Idee. Etwas Ähnliches hatte man schon 2012 versucht. Damals hatte das Verwaltungsgericht Hannover (10 B 5306/12) dem Ganzen allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht und im Eilverfahren die aufschiebende Wirkung eines Widerspruchs gegen die Maßnahme widerhergestellt. Der Betroffene durfte demnach Reisen. Weil aber die Entscheidung eines einzelnen Verwaltungsgerichts die Exekutive nicht für alle Zeiten bindet, reicht der Hinweis darauf allein auch nicht aus, um nun die Rechtswidrigkeit der aktuellen Maßnahme zu belegen. Die lesenswerte Begründung (pdf) aber mitunter schon.

Lassen wir einmal die Frage einer vorliegenden Gefahr außer Betracht - um dies anhand des Vorverhaltens der Betroffenen zu beurteilen, fehlen mir nahezu sämtliche Informationen - und kümmern wir uns um die übrigen Voraussetzungen des § 38 BPolG.

Das Gericht hatte erhebliche Zweifel, dass die Dauer der Maßnahme - damals ging es um eine wesentlich längere Periode und mehrere Spiele - noch vorrübergehend im Sinne der Vorschrift sei. Jedenfalls, so das Gericht, bei einem Zeitraum von mehr als 24 Stunden sei von einem Aufenthaltsverbot auszugehen, welches nicht mehr von der Rechtsgrundlage umfasst sei.

An diesem Punkt experimentiert die Bundespolizei nun mit einer kürzeren Dauer. Das Verbot wird auf einen Zeitraum knapp unter 24 Stunden (Freitag 06:00 Uhr bis Samstag 05:00 Uhr) begrenzt und es scheint, als wolle man sich an die Grenze herantasten, an der die Rechtsprechung das Tatbestandsmerkmal "vorrübergehend" noch akzeptiert.

Das Verwaltungsgericht zweifelte aber unabhängig davon nicht minder daran, ob die Rechtsgrundlage tatsächlich auch das Verbot einer Zugfahrt deckt. Ort im Sinne der Norm sei ein eng begrenztes, überschaubares  Gebiet, wie etwa ein Platz, ein Gebäude oder ein Straßenzug. Züge hingegen seien nicht darunter zu verstehen, da ein derartiges Verbot den räumlichen Wirkungsbereich des § 38 BPolG überschreite. Auch einen Rückgriff auf die Generalklausel des 14 BPolG als alternative Rechtsgrundlage lehnte das Gericht ab. Wenn der Gesetzgeber schon den Verweis von einem eingrenzbaren Ort für regelungsbedürftig halte, könne eine einschneidendere und umfassendere Maßnahme nicht ohne spezialgesetzliche Grundlage vorgenommen werden.

Mit diesem Aspekt hat sich die Bundespolizei soweit ersichtlich überhaupt nicht auseinandergesetzt, was meines Erachtens allerdings unbedingt erforderlich gewesen wäre. § 38 BPolG soll Platzverweise ermöglichen und beinhaltet nicht die Befugnis, faktische Reiseverbote zu verhängen. Stattdessen zieht sich die Behörde auf das Argument einer notwendig effektiven Gefahrenabwehr zurück und erklärt, die Betroffenen seien bereits in strafrechtlicher Hinsicht aufgefallen. Derartige Erwägungen sind aber allenfalls für die Annahme einer Gefahr, später nochmals für die Abwägung im Rahmen der engeren Verhältnismäßigkeitsprüfung relevant. Sie ersetzen keinesfalls jedwede Voraussetzung einer normierten Rechtsgrundlage.

Die Bundespolizei liegt mit den getroffenen Maßnahmen einmal mehr auf der gegenwärtig immer wieder zu beobachtenden Linie, bereits die Anreise von Fans zum Stadion zu regulieren und, wo man es aus welchen Gründen auch immer für erforderlich hält, zu unterbinden. Bestehende rechtliche Grenzen werden ausgetestet und, sofern dies nicht den gewünschten Erfolg mit sich bringt, dem Gesetzgeber vorgetragen. Je nach Bundesland sind legislative Bestrebungen bekannt, das Gefahrenabwehrrecht um weitere Eingriffsbefugnisse zu erweitern. Dass sich die Maßnahmen in Köln gegen Personen richteten, die bereits negativ aufgefallen sein sollen ändert aber nichts daran, dass früher oder später auch Personen davon betroffen sind, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen. Es hat sich eher selten als insgesamt vorteilhaft erwiesen, unter dem Deckmantel möglichst absoluter Sicherheit polizeiliche Befugnisse auf Kosten von Freiheitsrechten auszudehnen. Insoweit wäre die eingangs erwähnte alternative Überschrift über dem Artikel dann vielleicht bald doch weniger historisch, als man hoffen würde.

 

Die Betroffenen derartiger Maßnahmen können dagegen Widerspruch einlegen und im Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht - wie in Hannover - begehren, dass diesem aufschiebende Wirkung zukommt. Sofern sich die Maßnahme - wie hier - aufgrund des Zeitablaufs erledigt hat, bleiben unabhängig davon spätere Klagen vor dem Verwaltungsgericht in der Regel möglich.

Niederrheinpokal - "ohne große Juristerei"

Niederrheinpokal, Halbfinale. Der MSV Duisburg gewinnt in Essen mit 4:1 im Elfmeterschießen. Spannend, aber nicht das, worüber man am Ende sprechen sollte.

Medial war der Pokalfight bestens vorbereitet. Von Derbystimmung, Rivalität und Vorfreude war zu lesen und es wurde hinreichend betont, wie sehr man sich einen friedlichen Ablauf wünschte. Ob das ernst gemeint war, kann ich nicht beurteilen. Später konnte man jedenfalls vernehmen, dass das Spiel Sport1 zeitweise eine bessere Quote brachte, als das parallel laufende Spiel der Dortmunder Borussia. Offenbar genau in dem Moment nämlich, als die Ausschreitungen begannen.

Ausschreitungen? Es scheint wohl so. Zunächst Pyrotechnik auf beiden Seiten als erstes Indiz. Dann Schlimmeres. Man konnte in diversen Zeitungen das eine oder andere über einen Platzsturm lesen, der immerhin zu einer halbstündigen Spielunterbrechung und gewissen Schwierigkeiten mit dem Sendeplan im Hause Sport1 führte. Der eifrig herbeiinterviewte Urduisburger Bernard Dietz erklärte dazu feierlich und von Moderator Dahlmann vollkommenen unwidersprochen, man solle die Randalierer doch einfach "ohne große Juristerei" in den Knast sperren. Später erklärten einige, sich von solchen den Fußball nicht kaputt machen zu lassen.

Ich gebe zu, dass ich das Spiel selbst nicht gesehen habe. Der Niederrheinpokal hat mich schon vorher nicht sonderlich interessiert. Derartige Statements, noch dazu wenn sie unwidersprochen bleiben, interessieren mich dann aber doch. Hätte ich keine tiefere Kenntnis von der Materie und mich anderweitig informiert, müsste ich wohl davon ausgehen, dass sich im neuen Essener Stadion bürgerkriegsähnliche Ereignisse abgespielt hätten und man die Verursacher einfach laufen lässt. Habe ich aber. Sport1 zeigte in seinen späteren Berichten tatsächlich Szenen, in denen einige, vielleicht ein gutes Dutzend, Zuschauer in bzw. vor einem geöffneten Fluchttor zum Innenraum standen. Abgeschirmt von weitaus mehr Polizei. Mehr sollte es wohl nicht gewesen sein. Das berichteten ebenfalls viele, die die ganze Übertragung verfolgt haben. Personen, die ihrerseits selbst im Stadion waren bestätigten es und wussten darüber hinaus zu berichten, dass eben jenes Tor schon öfters offen stand. Ziemlich mau für einen ausgewachsenen Platzsturm. Bleibt die Aussage des Herrn Dietz und das Schweigen des Moderators.

Bevor man jemanden einsperrt, ob mit oder ohne große Juristerei sei jetzt einmal dahin gestellt, sollte dieser jemand sich zumindest noch strafbar gemacht haben. Das sollte selbst in Zeiten geforderter Schnellgerichte gelten. Blöd für Herrn Dietz ist in diesem Zusammenhang, dass das in Essen gerade nicht geschehen ist. Das Durchschreiten eines Tores ist nicht einmal dann strafbewehrt, wenn es sich um ein Fluchttor handelt. Selbst das Betreten des Platzes wäre allenfalls ein Verstoß gegen die Stadionordnung. Geht jemand trotz Aufforderung nicht wieder zurück, könnte man vielleicht noch über Hausfriedensbruch nachdenken, aber Knast? Dass Herr Dahlmann derartiges einfach so hinnimmt, offenbart ein hohes Maß an Überforderung und Unkenntnis und einen gewissen Hang zu unreflektiertem Populismus. Nicht unbedingt das, was man sich von einer seriösen Berichterstattung erwartet.

Sicher, solange Pyrotechnik im Stadion qua Stadionordnung untersagt ist, sollte man Abstand davon nehmen, zu zündeln. Und das Betreten des Innenraums kann man sich ebenso gut klemmen. Insbesondere letzteres stört doch immens und beeinträchtigt den Spielbetrieb erheblich. Weder den Aufmarsch der Polizei aufgrund der zumindest anzunehmenden Gefahrenlage, noch die Spielunterbrechung wird man deshalb ernsthaft in Zweifel ziehen. Eine völlig überzogene Berichterstattung und Forderungen jenseits der Donnerkuppel braucht aber ebenfalls kein Mensch.

Es geht nicht nur um Sport1. Genug andere haben die sogenannte Berichterstattung aufgegriffen und machen es Menschen, die gerade nicht dabei waren schwer, einen möglichst objektiven Eindruck zu erhalten. Statt über das Spiel und das tatsächliche Geschehen, wurde überwiegend das Gespenst eines angeblichen Platzsturm berichtet, der so jedenfalls nicht stattgefunden hat. Ob er überhaupt bevorstand lässt sich den Bildern und Berichten nicht entnehmen. Und es geht auch nicht nur um ein Halbfinale im Niederrheinpokal. Verzerrte und wertende Tatsachenberichte bilden Meinungen auf unzureichender Grundlage - nicht nur aber sehr Häufig im Kontext Fußball. Es wäre schon hilfreich, wenn man sich seitens der Medien zunächst auf die Schilderung von Tatsachen beschränken könnte und sich die Wertungen für später aufhebt oder sie zumindest kenntlich macht. Von der Möglichkeit auch kritischer Betrachtungsweisen rede ich schon gar nicht mehr. Tatsächlich sollte man sich den Fußball von den Handlungen einzelner nicht kaputt machen lassen; noch weniger aber den Rechtsstaat von einer Meinungsmache, die den Namen Berichterstattung nicht verdient.

Hannover Sunshine Tours: Ignoranz und Einzelfall

Fußballvereine geben sich in aller Regel große Mühe das Vertragsverhältnis mit dem eigenen Anhang zu regeln. Zahlreiche Juristen werden damit betraut, AGBs zu entwerfen, Stadionordnungen einzubeziehen, Kartenweiterverkäufe auszuschließen, Vertragsstrafen vorzubehalten und dergleichen mehr. Was aber geschehen kann, wenn ein Vertragspartner seinerseits auf Einhaltung der Verpflichtungen besteht, kann man derzeit in Hannover beobachten.

Die inzwischen weitestgehend wohl bekannte Idee, Auswärtskarten zunächst zu verlosen und dann auf einer zwangsweisen Kaffeefahrt im Bus zu verteilen stieß nicht unbedingt auf ungeteilte Gegenliebe. Besonders bei denen nicht, die eine Auswärtsdauerkarte ihr Eigen nennen und damit das vertraglich verbriefte Recht in den Händen halten, ohne weitere Beschränkungen Karten für Auswärtsspiele zu erhalten. Nicht jeder erkannte offenbar die Notwendigkeit derartiger Pläne und einige befassten das örtliche Amtsgericht mit Vertragsfragen. Den ersten Anwurf in diese Richtung wehrte der Verein noch ab. Man gab den Antragstellern Ende der letzten Woche kurzerhand Ehrenkarten, woraufhin das Gericht die Eilbedürftigkeit des gestellten Antrags nicht mehr erkannte. Schön, nur eben nicht das, was vertraglich geschuldet war. Höherwertigkeit hin oder her. So sah es das Amtsgericht dann auch bei zehn weiteren Antragstellern und verpflichtete am Freitag den Verein, diesen nun, notfalls über einen Gerichtsvollzieher, die berechtigterweise geforderten Karten herauszugeben.

Schon das Procedere für sich genommen ist bemerkenswert. Es wird allerdings nochmal durch die weitere Reaktion des Vereins übertroffen. An der Leine beabsichtigt man nämlich offensichtlich nicht, das Ergebnis zu akzeptieren. Sicherheit müsse über vertraglichen Verpflichtungen stehen, soll es dazu von Vereinsseite geheißen haben.

Quasi sofort nachdem man die Problematik mit den Auswärtsdauerkarten bemerkte, folgte jedenfalls die Ankündigung, diese zur nächsten Saison hin kurzerhand abzuschaffen. Kann man machen. Ob's für besonders guten Umgang mit dem eigenen, reisefreudigen Anhang spricht, darf aber wohl bezweifelt werden. Nur um das einmal klarzustellen: Betroffen sind von der Zwangsanreise via Partybus nicht etwa sog. Problemfans, sondern jeder Dauerkarteninhaber, der sich dazu entschlossen hat auch Auswärtsspiele zu besuchen und hierfür gern Karten reserviert wissen möchte. 250 an der Zahl sollen es sein. Die intransparente Tombola betrifft gar jeden, der überhaupt eine Karte kaufen will.

Hannover 96 geht aber sogar noch ein Stückchen weiter und denkt nicht im Traum daran, nun wenigstens die gerichtlichen Entscheidungen akzeptierend, den Berechtigten für das anstehende Derby ihre Karten zu geben. Dafür müsste schon jeder einzelne gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen, schimmert es durch eine Stellungnahme des Vereins. Dass das Ganze bei 250 Betroffenen den Verein am Ende über 37.000 € zzgl. diverser Anwaltsgebühren kosten dürfte, ist offenbar egal.

Juristisch wähnt der Verein sich auf der sicheren Seite. Die Beschlüsse des AG Hannover seien Einzelfallentscheidungen und schon deshalb nicht allgemein verbindlich heißt es dort. Das ist erst einmal richtig. Im Zivilrecht wirken Entscheidungen, sogar Urteile, nur zwischen den jeweiligen Parteien, was durchaus zu absurden Ergebnissen führen kann. Eine ablehnende Entscheidung in weiteren einstweiligen Anordnungsverfahren wäre demnach theoretisch möglich, aufgrund der klaren Vertragsgestaltungen und der identischen Sachverhalte aber gleichwohl äußerst unwahrscheinlich.

Hannover 96 hat mit seiner Haltung dennoch möglicherweise gleichsam das Tischtuch mit den eigenen Fans zerschnitten und überdies eine Büchse der Pandora geöffnet. Man hat gezeigt, dass man sich im Zweifel nicht einmal an das selbst gesetzte Recht gebunden sieht; jedenfalls wenn man meint, Gründe dafür zu haben. Mit welchem Argument wollte man künftig nun auf eben diese Bestimmungen verweisen,  wenn Fans ihrerseits Regeln ignorieren und auf Einzelfallentscheidungen hinweisen? Um solche handelt es sich nämlich z.B. auch, wenn der BGH über Stadionverbote entscheidet oder ein OLG über Regresspflichten für Verbandsstrafen. Möchte man wirklich künftig jeden Einzelfall, ohne den leisesten Versuch einer vorherigen einvernehmlichen Klärung, vor Gericht austragen? Das kann sehr schnell sehr teuer werden, wäre aber nun wohl nichts mehr, worüber man sich wundern müsste.  

Hannover 96 hat sich entschieden, künftig keine Argumente mehr auszutauschen und den Dialog mit seinen Fans ausschließlich vor Gericht zu führen. Es bleibt zu hoffen, dass der Verein sich mit diesem Vorgehen innerhalb der Liga isoliert. Klare Worte anderer Vereine dazu wären wünschenswert, sind aber wohl kaum zu erwarten. Zu erwarten ist aber, dass es im Laufe des Samstags weitere Einzelfallentscheidungen geben wird, auch wenn man in Hannover vielleicht gehofft hat, das die Zeit dafür zu knapp wird.

 

Update 07.04.2014

 

Das Derby ist inzwischen Geschichte und, siehe da, es wurde weder zu einem Bürgerkrieg, noch zu einem wie auch immer gearteten Schreckensszenario. Abgesehen von den sportlichen Konsequenzen und dem Unmut einiger in Hannover vielleicht. Das ist schön. Unschön (hier könnten auch diverse andere Worte stehen) ist allerdings, wie der Verein, bzw. dessen Betriebsgesellschaft es im Laufe des Samstag noch schafften, weite Tropfen in das ohnehin schon volle Fass des Umgangs miteinander zu gießen und den Erlass weiterer einstweiliger Anordnungen zu verhindern. Ging ich oben noch davon aus, dass das Amtsgericht mehrfach entscheiden wird, fand man in Hannover eine Möglichkeit, dies durch einen Befangenheitsantrag zu verhindern und damit endgültig  jene Ignoranz in Stein zu meißeln, die ich dem Verein schon vorher unterstellt hatte.

 

Gut, jeder hat das unverzichtbare Recht einen erkennenden Richter wegen der Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Dieses Mittel hat Hannover 96 nun offensichtlich taktisch genutzt, um die selbstständige Anreise dazu berechtigter Fans faktisch zu verhindern. Winkelzug nennen das einige; Verein und Presse verbuchen es erst einmal als Teilerfolg in Sachen Sicherheit. Taktisch betrachtet war das Manöver in jedem Fall effektiv. Hut ab,  kann man so machen. Wenn man es aber so macht, darf man sich über Unverständnis, Wut und die Konsequenzen nicht wundern.

 

Prozessual vielleicht ein Knaller, war dieses Vorgehen ansonsten nämlich eine ziemliche Unverschämtheit. Sagte ich kürzlich noch, das Tischtuch zwischen Fans und Verein sei zerschnitten, wurde es nunmehr vollends zerfetzt. Die vertragliche Lage war bereits entschieden, wenn auch nicht in den weiteren Fällen, und da verwundert es kaum, dass dem gestellten Befangenheitsantrag verschwindend geringe Erfolgsaussichten attestiert werden. Hannover 96 ist und war eben im Unrecht und zwar aufgrund der eigenen AGB, nicht etwa wegen eines streitigen oder vielschichtigen Sachverhalts oder weil ein Gericht sich nicht mit den Argumenten auseinandersetzen hätte wollen. Sicherheitskonzepte schlagen einfach nicht jedes andere Recht, ob man es nun einsehen möchte, oder nicht. Der Verein hätte die Niederlage also akzeptieren oder zumindest die Rechtslage respektieren können. Dass er das so einfach nicht muss steht auf einem anderen Blatt. Dass er es aber aus Prinzip offensichtlich nicht will, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verantwortlichen und den Umgang mit den eigenen Fans. Letztere werden sich fragen müssen, ob sie künftig überhaupt noch einen Vertrag - und sei es nur über einen Stehplatz oder eine Bratwurst - mit diesem Verein schließen möchten.

 

Hannover 96 hat das Derby verloren. Das ist für die Fans sicher schlimm; nicht nur wegen des Abstiegskampfs. Zumindest die rund 1.000 Demonstranten von Samstag und sicher die weiteren Antragsteller, denen "ihr" Verein höchstpersönlich vor den Kopf stieß, dürften daneben aber am vergangenen Wochenende weit mehr verloren haben.  In Hannover wurde gezeigt, wie unwichtig die eigenen Fans in den Erwägungen einer KGaA sind. Einen "Teilerfolg" vermag ich darin wahrlich nicht zu erkennen. Er könnte es aber durchaus noch werden, wenn man berücksichtigt, dass das Verhalten des Clubs von der breiten Masse der Zuschauer auch durchgewunken werden könnte. Unwahrscheinlich ist das jedenfalls nicht. Vielleicht wäre es allmählich aber auch an der Zeit einmal aufzuzeigen, wie unwichtig eine KGaA für den Fußball sein kann.

 

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