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Foulspiel mit Folgen

Stellen Sie sich vor es ist Fußball. Ein Spieler ohne Ball hätte gern selbigen und entschließt sich zu einem harten einsteigen, welches dazu führt, dass der Spieler mit Ball nebst diesem auf dem Kunstrasen landet. In sicherer Erwartung eines baldigen Pfiffes hält er den Ball schon einmal fest. Der Pfiff hingegen bleibt aus. Der Verteidiger ist voll des Glückes ob der sich bietenden Chance und möchte nun seinerseits an den Ball. Deshalb tritt er gegen diesen, wobei er allerdings auch den am Boden liegenden mutmaßlichen Schwalbenkönig erwischt. Dieser wiederum kann so viel Ungerechtigkeit kaum ertragen, springt auf und es entwickelt sich eine hitzige Debatte, die in einem Gerangel und einer Tätlichkeit des Verteidigers endet.

Ich bin sicher, Sie alle haben so eine Situation schon einmal beobachtet oder gar selbst erlebt. Deshalb wissen Sie auch wie es weitergeht. Mindestens einer der beiden Streithähne bekommt Ärger mit dem Schiedsrichter und in der Regel wird der tätliche Missetäter unter die Dusche geschickt. Später werden häufig alle Beteiligten feierlich erklären, dass es eine emotional aufgeladene Situation war, die man nicht überbewerten soll. Von Kreisklasse bis zur Bundesliga ist das System bekannt.

Bei der Staatsanwaltschaft in Wuppertal sieht man das komplett anders. Dort nennt man die Tätlichkeit Körperverletzung und geht sogar noch ein bisschen weiter. So einen Schuh, noch dazu mit Stollen, kann man mit etwas Geschick auch als gefährliches Werkzeug betrachten und so wird die Körperverletzung zu einer gefährlichen, was immerhin die sportliche Mindeststrafandrohung von 6 Monaten Freiheitsentzug nach sich zieht. Kein schlechter Schnitt für die emotional aufgeladene Situation. Zur näheren Begründung bezog sich die Staatsanwaltschaft auf die erheblichen Verletzungen in Form eines Hämatoms und einiger Abschürfungen.  Juristisch ist dagegen im Kern obendrein kaum etwas zu sagen. Nach der Rechtsprechung des BGH sind "normale" Fouls, die zum typischen Ablauf der Sportveranstaltung gehören, zwar nicht strafbar, da sie von der Einwilligung der auf dem Platz stehenden Spieler umfasst sein sollen. Wenn aber nach Abschluss einer Situation getreten, geschlagen oder sonst wie grob regelwidrig getätlicht wird, gilt das nicht mehr so unbedingt. Und das nahezu jeder Schuh inzwischen erst einmal als gefährliches Werkzeug klassifiziert wird, ist eine bei Strafverfolgern beliebte Unsitte geworden.

So ein Vorwurf nebst Strafandrohung erhöht für Beschuldigte den Puls ungemein. Zum Glück war in diesem Fall aber das Amtsgericht willens, die Vorwürfe wieder auf das Geschehen auf dem Platz zu reduzieren. Die Gefährlichkeit der Körperverletzung ging den Bach runter und für die verbliebene einfach Körperverletzung gab es ein sehr erträgliches Ergebnis, nachdem alle Beteiligten einhellig der Meinung waren, dass so etwas normalerweise nicht vor ein Gericht gehört. Selbst der Geschädigte hatte erklärt, dass er nach quasi jedem Besuch des Fußballplatzes mit kleineren blauen Flecken und Abschürfungen übersät sei und beim besten Willen nicht mehr sagen könne, ob eine der Blessuren wirklich von der Rangelei oder doch eher vom Kunstrasen herrührte.

Hätte das Fußballspiel nicht zufällig in einer JVA stattgefunden, wo Disziplin zum unabdingbaren Erziehungsauftrag gehört, der es gebietet, neben umfassenden disziplinarischen Maßnahmen obendrein den Apparat der Strafjustiz anzuwerfen, wäre der Fall wohl auch nicht vor einem Gericht gelandet. Es kommt eben manchmal gar nicht so sehr darauf an, was jemand tut, sondern vielmehr, wer dieser jemand ist.

Die Sache mit der Meldeauflage

Wie verhindert man konsequent, dass ungebetene Fußballfans den Spielort und die umliegenden Parks, Gärten und Plätze erreichen?

Die Frage wird den Nordrhein-Westfälischen Landtag in näherer Zukunft beschäftigen. Die CDU hat kürzlich zur Freude der Polizei einen Gesetzesentwurf in den Landtag eingebracht, mittels dessen die polizeilichen Standardbefugnisse um "Meldeauflagen" erweitert werden sollen. Sie meint, dass die verpflichtende Auflage, zu bestimmten Zeiten an einem Spieltag bei der Polizei vorzusprechen, effektiv zur Vermeidung von Straftaten im Stadionumfeld sei.

Insbesondere anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 wurden diese Auflagen von kommunalen Ordnungsbehörden aufgrund der gefahrenabwehrrechtlichen Generalklauseln bereits verhängt. Damals wurden sie in einigen verwaltungsgerichtlichen Eilverfahren gehalten. Die CDU erhofft nun, dass eine gesetzliche Regelung die verbliebenen (verfassungs-)rechtliche Probleme beseitigen wird, die der Polizei gegenwärtig bei dem Versuch begegnen, Meldeauflagen ohne explizite gesetzliche Grundlage zu erlassen. Auch NRW-Innenminister Jäger (SPD) hatte sich in der Vergangenheit immer wieder auf die Fahne geschrieben, vermeintlich gewaltbereite Fans möglichst gar nicht erst in die Nähe des Stadions zu lassen. Hierzu setzt er allerdings verstärkt auf die bekannten Mittel Stadionverbot, Bereichsbetretungsverbot, Platzverweis und ggf. harte Durchsetzung dieser. Gesetzesänderungen hielt der Minister bislang offenbar für nicht geboten.

Würde der Oppositionsentwurf nun Gesetz, wäre es der Polizei künftig möglich, die Meldung zu vorgegebenen Zeiten an einer bestimmten Polizeidienststelle anzuordnen, sofern

 

Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Person eine Straftat begehen wird und die Meldeauflage zur vorbeugenden Bekämpfung der Straftat erforderlich ist.

 

Die  Maßnahme wäre auf längstens 4 Wochen zu begrenzen, mit der Option, sie einmal um dieselbe Zeit zu verlängern. Dann allerdings nur, wenn ein Richter zustimmt.

Es wird abzuwarten bleiben, ob dieser Vorschlag tatsächlich umgesetzt wird und, sollte es so kommen, ob das dann erlassene Gesetz wirklich das bewirken kann, was es soll. Meines Erachtens würde es ungeachtet der genannten Rechtsprechung die bestehenden rechtlichen Probleme nicht beseitigen. Wie ich darauf komme werde ich gern erläutern, weise aber zuvor darauf hin, dass es jetzt juristisch, mitunter ein bisschen unübersichtlich und etwas umfangreicher wird.

Die Zuständigkeit der Polizei

Schon die Frage nach der Zuständigkeit der Polizei ist nicht ganz unproblematisch. Nach nordrhein-westfälischem Polizeirecht ist diese zunächst nur dann damit betraut, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwehren, wenn nicht eine andere Ordnungsbehörde, wie etwa die Kommune, aufgrund der gebotenen Dringlichkeit selbst eine entsprechende Verfügung erlassen kann. Eine Ausnahme gilt, soweit es darum geht, Straftaten zu verhüten oder vorbeugend zu bekämpfen. Somit wäre geklärt, warum der Gesetzesentwurf ausdrücklich auf die Erwartung von Straftaten abstellt. Ungeklärt bleibt indes, wie konkret die Erwartung der künftigen Straftat sein muss und welche Anforderungen an die im Vorfeld verfügbaren Erkenntnisse zu stellen sind. Zwar liegt der Entwurf diesbezüglich auf der Linie der gegenwärtigen verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung. Hier wurde wiederholt klargestellt, dass es für derartige Maßnahmen keiner vorherigen Verurteilung bedürfe und die Mitgliedschaft in einer bereits aufgefallenen Gruppe u.U. die Erwartung von Straftaten bereits begründen kann. Die angegriffenen Meldeauflagen, wie auch die ebenfalls mit diesem Argument gerichtlich gehaltenen Bereichsbetretungsverbote wurden aber gerade nicht von der Polizei, sondern von den kommunalen Ordnungsbehörden ausgesprochen, so dass sich diese Rechtsprechung nicht direkt übertragen lässt. Der Begriff der Gefahr, der die Ordnungsbehörden  zum Einschreiten ermächtigt und die Polizei auf ihre sog. Eilzuständigkeit verweist unterliegt dabei de facto geringeren Anforderungen, als die Annahme einer konkret erwarteten Straftat, die vorbeugend bekämpft werden soll. Letztlich würde die Ausgestaltung dieser Voraussetzung wohl ebenfalls der Rechtsprechung überlassen bleiben. Der Gesetzesentwurf drückt sich um eine nähere Konkretisierung in der Begründung und stellt lediglich fest, dass selbstverständlich eine Gefahr weiterhin vorliegen muss. 

Verhältnismäßigkeit

Gravierender dürften sich aber wohl die rechtlichen Bedenken hinsichtlich der Grundrechte des Betroffenen auswirken. Über den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit fließen diese in jede staatliche Befugnisnorm ein, auch wenn sie nicht, wie etwa hier die Erforderlichkeit, ausdrücklich genannt werden. Ob etwas verhältnismäßig ist oder nicht bemisst sich schematisch ausgedrückt in 4 Schritten. Zunächst muss ein legitimer Zweck festgestellt werden. Dann muss das beabsichtigte Mittel geeignet sein, diesen Zweck zu erreichen. Weiterhin muss es erforderlich sein, was es immer dann nicht ist, wenn andere, für den Betroffenen mildere Mittel zur Verfügung stehen, die denselben Zweck ebenso gut erreichen. Schlussendlich muss das Mittel auch angemessen sein, sich also mit den Grundrechten des Adressaten abwägen lassen und dabei nicht überzogen wirken.

legitimer Zweck und geeignetes Mittel

Zweck des Gesetzes soll nach dem Entwurf sein, Gewalttaten anlässlich von Fußballspielen, insbesondere auch im weiteren Stadionumfeld und ferner ab davon zu unterbinden, indem erwartete Straftäter nicht in die Nähe des Stadions gelassen werden. Das ist durchaus legitim. Wer gerade bei der heimischen Polizei am Empfangsthresen steht, während das Spiel in der Ferne beginnt, wird nicht gleichzeitig brandschatzend durch andere Städte laufen. Die Meldeauflage wäre also auch geeignet.

Erforderlichkeit

Beim milderen Mittel fangen die Probleme allerdings an. Bereichsbetretungsverbote und Platzverweise können, so sie denn durchgesetzt werden, dasselbe bewirken. Ein Fan, von dem Straftaten erwartet werden, könnte auch auf diesem Wege an einer Annäherung an den Gefahrenherd gehindert werden. Weniger einschneidend wäre das wohl in jedem Fall, da er so zumindest seinen Tagesablauf anderweitig frei verplanen kann und nicht zwingend zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Ort vorsprechen muss.

Erforderlich wäre so eine Meldeauflage demnach nur, wenn sie die geeignetere Maßnahme ist, etwa weil weniger Polizeikräfte weniger Aufwand betreiben müssten, um dies zu kontrollieren und durchzusetzen. Die Polizei hat erhebliche Schwierigkeiten die derzeit rechtlich weniger problematischen Möglichkeiten durchzusetzen und man erhofft sich offenkundig, diese Schwierigkeiten durch die Verhinderung der Anreise zu überwinden.  Bliebe aber die Frage, ob dieses Argument überhaupt greift. Wie nämlich sollte die Meldeauflage ihrerseits kontrolliert und durchgesetzt werden, wenn sich ein reisefreudiger Fan dazu entschließt, sie zu ignorieren?

Man wird ihn kaum mittels unmittelbarem Zwang bereits im Vorfeld zur Polizeistation verbringen können.  Dort muss er erst zur angegebenen Zeit zu erscheinen und darf sie unmittelbar nach der Meldung wieder zu verlassen. Kommt er nicht, müsste man ihn suchen und bis man ihn gefunden hat, wäre dieser Zeitpunkt wohl längst verstrichen. Bliebe das Zwangsgeld, das zwar mit der Auflage direkt und gegen eine kostenträchtige förmliche Zustellung angedroht, bei Verstoß auch festgesetzt, letztlich aber - anders als etwa bei Unterlassungsverfügungen (vgl. § 53 Abs.3 PolG NW) - nicht beigetrieben werden kann, sofern die geforderte Handlung nachgeholt wird.  Dass die Meldeauflage damit besser geeignet ist, dem Erscheinen eines ungebetenen Fußballgastes wirksam entgegenzuwirken, vermag ich angesichts dessen nicht zu erkennen.

Angemessenheit

Selbst wenn man dies aber durch mehr oder weniger geistreiche Klimmzüge noch hinbekäme, würde sich die Frage der Angemessenheit so einer Maßnahme stellen. Die Grundrechte des Betroffenen erlauben ihm grundsätzlich von staatlichen Stellen in Ruhe gelassen zu werden. Generell darf jeder von uns aufgrund seiner allgemeinen Handlungsfreiheit tun, was immer er möchte, solange diese Grundrechte nicht notwendigerweise zum Schutze anderer Rechtsgüter eingeschränkt werden. Es mag sein, dass es im Einzelfall gute Gründe gibt, die Anwesenheit in der Nähe eines Spielortes zu untersagen, selbst wenn dies aufgrund einer bloßen Annahme geschieht. Es ist aber darüber hinaus kaum nötig Alternativbeschäftigungen auszuschließen, zu erschweren und zumindest zu bürokratisieren. Es wäre dem Betroffenen einer solchen Verfügung beispielsweise nicht einmal möglich, ohne einen gewissen Aufwand das Wochenende über Verwandte zu besuchen. Das geht zu weit. Die Annahme möglicher strafbarer Handlungen kann kaum so weit ausgedehnt werden, dass sie zugleich die Annahme beinhaltet, der Adressat eines wie auch immer gearteten Anwesenheitsverbotes würde sich diesem per se widersetzen. Insoweit ist das  Festschreiben eines Tagesablaufs  meines Erachtens mit Blick auf die Grundrechte des Betroffenen überzogen. Hinzu tritt, dass es für einen sehr langen Zeitraum der richterlichen Kontrolle entzogen wäre. Verhältnismäßig ist das nicht.

Natürlich können Gerichte dennoch anders entscheiden. Auf die Begründung wäre ich gespannt, wenn es bis dahin auch noch eine Weile dauern wird. Die eingangs angesprochene Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte bietet hier jedenfalls keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine Prognose. Die Entscheidungen betrafen wie gesagt Eilverfahren, die ohne mündliche Verhandlung einstweilen entschieden wurden. Soweit ersichtlich beschäftigten die Gerichte sich im Kern mit der Frage, ob die fehlende Verurteilung und die damit nicht widerlegte Unschuldsvermutung der Annahme einer Gefahr oder der Erwartung einer Straftat entgegen stehen. Das ist nach wie vor wichtig, aber längst nicht das einzige worauf es ankommt. Und selbst wenn das Gesetz als solches verfassungsgemäß wäre, müsste die dargestellte Prüfung bei jeder einzelnen Meldeauflage vorgenommen werden. Im Übrigen müsste sie das übrigens bereits jetzt, wenn derartige Auflagen über die Generalklausel ausgesprochen werden. Damit wäre abschließend jedenfalls geklärt, woher die Bauchschmerzen bei der Polizei rühren, diese Auflagen gegenwärtig zu verhängen.

nicht bewährt

Borussia Dortmund spielt inzwischen wieder einen rechten gepflegten Ball. Zuletzt gegen Frankfurt und Bremen. Zwei Vereine, die sportlich deutlich unterhalb dessen anzusiedeln sind, was der BVB in den letzten Jahren kann. Abseits des Platzes können die Borussen von beiden aber vielleicht lernen.

"Der Westen" berichtete unlängst, dass ein im Ruhrgebiet getestetes Projekt zur Vermeidung von Stadionverboten nach inzwischen drei Jahren und Auswertung einer Zwischenbilanz gefloppt sei. Der BVB hatte denjenigen, die erstmalig von einem Stadionverbot betroffen waren in Aussicht gestellt, dieses zur Bewährung auszusetzen, sofern sich die Betroffenen zur Ableistung von Sozialstunden beim Verein verpflichtet. Drei in der Woche sollten es sein. Hält man durch, darf das Stadion sofort wieder betreten werden. Anderenfalls tritt das Stadionverbot wieder in Kraft. Offenbar interessierte sich in Dortmund bislang kaum jemand ernsthaft für diese Idee. Der "Direktor Organisation" beim BVB, Dr. Hockenjos, führt dies auf „viele Gründe“ zurück, die konkret nicht benannt werden. Einige Fans blieben dem Fußball wohl einfach fern. Der Fanbeauftragte des Vereins sieht einen weiteren Grund darin, dass die Betroffenen während ihres laufenden Ermittlungsverfahrens auf Anraten ihrer Verteidiger keine Angaben zu Sache machen wollen und dies auch gegenüber dem Verein so handhaben. Insgesamt klingt das nicht sehr überzeugend. Für den Kriminologen Prof. Dr. Thomas Feltes offenbar auch nicht, der, so kommentierte er auf Twitter (@krim_rub), eine Untersuchung der Gründe für diesen Flopp durchaus für wertvoll gehalten hätte. Mir persönlich hätten für den Anfang ein paar weitergehende Informationen seitens des Vereins gereicht. Meine Bitte an Borussia Dortmund, das Sozialstundenmodell etwas weiter zu erläutern und die angesprochenen vielen Gründe ein bisschen konkreter auszuführen, ignorierte der Verein allerdings bislang. Nach nunmehr über zwei Wochen Funkstille erwarte ich auch keine Antwort mehr.

Schade eigentlich, wenn man bedenkt, dass das Dortmunder Modell nicht einmal einzigartig ist. Beim letzten Gegner z.B. wird so etwas gerade in den Stil gestoßen. Wäsche waschen statt draußen bleiben heißt es in Frankfurt. Und beim vorletzten läuft das Ganze auch schon eine Weile. In Bremen wird nach einigen Vorgesprächen das Stadionverbot sofort ausgesetzt, wenn man mit den Sozialstunden beginnt. Obendrein wird je drei abgeleisteter Stunden ein Monat des Stadionverbots erlassen. Scheinbar ein attraktives Angebot. An der Weser findet man jedenfalls, dass das Projekt sehr gut angenommen wird und spricht von Erfolgsquoten um die 70%. Auch mit Verteidigern und schweigenden Stadionverbotlern hat man dort offenbar keine nennenswerten Probleme. Die aus Sicht des Vereins positiven Erfahrungen wurden auf explizite Nachfrage aktuell noch einmal bestätigt, wenn auch hinzugefügt werden muss, dass der Verein dieses Angebot offenbar nur wenigen Betroffenen unterbreitet.

So ein Modell kann also erfolgreich sein. Jedenfalls wenn man realistisch bleibt und dafür sorgt, dass es auch akzeptiert wird. Da lohnte es wohl in der Tat, die vielen Dortmunder Gründe genauer zu betrachten, womit allerdings noch nichts über den generellen Sinn und Unsinn derartiger Ideen gesagt wäre. Man kann sich schon einmal fragen, wie Vereine überhaupt dazu kommen, an die Bewährungsaussetzung eines Stadionverbots so eine Auflage zu knüpfen. Die Grundlage dieses Modells findet sich wohl in § 7 der Stadionverbotsrichtlinien. Danach kann ein Stadionverbot gegen insbesondere soziale Tätigkeiten ausgesetzt werden, wenn dies aus besonderen Gründen zweckmäßig ist. Ja, das ist schwammig und demnächst wohl einen eigenen Beitrag wert.

Promille

Es läuft gerade im Norden der Republik nicht besonders rund. Erstmalig in der Vereinsgeschichte bangt ein prähistorischer Fußballclub nahe Pinneberg um den Verbleib in der Bundesliga. Sein Sportchef steht in der Kritik und könnte bald ein gewesener sein. Grund genug, den Frust mit dem einen oder anderen hochprozentigem Getränk hinunterzuspülen. Jedenfalls wurde Herr Kreuzer mit Alkohol am Steuer erwischt. Wie viel es war, wissen wir nicht. Der Boulevard spricht von 0,98 ‰, der Focus von weniger als 0,5 ‰. Alle beziehen sich auf Angaben des SID und jedenfalls scheint demnach unstreitig zu sein, dass Herr Kreuzer erstens sein Auto stehen lassen musste und sich zweitens nach Polizeiangaben nicht strafbar gemacht haben soll.

Reden wir doch heute mal über Promille-Grenzen abseits des Fußballplatzes:

0,5 ‰

Die hier hat sich rumgesprochen. Wer mit mehr als 0,5 ‰ im Straßenverkehr erwischt wird und nicht mehr in der Probezeit ist wird, kriegt Ärger wegen einer Ordnungswidrigkeit. Es drohen  beim ersten Mal 4 Punkte, 500 € und ein Monat Fahrverbot. Beim zweiten Mal kosten die 4 Punkte 1000 € und man muss den Lappen für 3 Monate in amtliche Verwahrung geben. Letzteres gilt auch bei weiteren Verstößen, das Bußgeld hierbei beträgt dann aber 1.500 €. Zudem kann die Ordnungsbehörde auf die Idee kommen, eine MPU anzuordnen. Soviel also zum Ordnungsrecht.

Die strafrechtlich relevanten Grenzen machen es dann etwas unübersichtlich. Derer gibt es zwei.

0,3 ‰

Wer mit mehr als 0,3 ‰ erwischt wird, begeht zwar wie gerade gesehen noch nicht zwingend eine Ordnungswidrigkeit, kann allerdings schon Probleme mit der Staatsanwaltschaft bekommen. Nämlich dann, wenn er „alkoholbedingte Ausfallerscheinungen“ aufweist; etwa die berühmten Schlangenlinien fährt. Kommt es in der Folge dann zu einer Verurteilung, z.B. wegen Trunkenheit im Straßenverkehr (§ 316 StGB) oder einer Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c StGB) gibt es beim ersten Mal vom Strafrichter in der Regel eine Geldstrafe. Zudem ein schuldangemessenes Fahrverbot oder gar den Entzug der Fahrerlaubnis. Zudem gibt es 7 Punkte in Flensburg.

1,1 ‰

Ab 1,1 ‰ dann, sind die genannten Ausfallerscheinungen egal. Ab diesem Wert spricht der Jurist von absoluter Fahruntüchtigkeit. Gleich wie sicher man das Auto auch durch den Straßenverkehr bewegt droht hier dieselbe Verurteilung wie oben. Der Entzug der Fahrerlaubnis und eine Sperrfrist für einen Zeitraum von 6 Monaten aufwärts ist so gut wie sicher und obendrein fallen auch hier 7 Punkte an. Sehr häufig wird auch bei alkoholbedingten Fahrten im strafbaren Bereich natürlich mit einer MPU zu rechnen sein. Ab 1,6 ‰ ist diese sicher.

Dann also zurück in die Nähe der Arena der vielen Namen, deren gegenwärtigen ich grad nicht weiß und zur Berichterstattung über Herrn Kreuzer:

Hätte der Focus recht, hätte Herr Kreuzer unter Berücksichtigung dieser Grenzen nicht einmal Ordnungswidrig gehandelt. Da die Polizei dem Bericht zufolge betonte, eine Strafbarkeit läge nicht vor, wird er auch nicht unter Ausfallerscheinungen gelitten haben. Das deckt sich im Übrigen mit den meisten anderen Berichten, die von einer unauffälligen Fahrweise sprechen. In dem Fall hätte es aber keinen Grund gegeben, den Wagen stehen zu lassen bzw. die Weiterfahrt zu unterbinden. Alkohol und Vorbildfunktion hin oder her. Daher spricht vieles für den Wert des Boulevards von 0,98 Promille. In dem Fall hätte Herr Kreuzer ordnungswidrig gehandelt und deshalb nicht weiter fahren dürfen und gerade nochmal unangenehme Post von der Staatsanwaltschaft vermieden.

Dass die Polizei das ohne Blutprobe erledigt hat ist übrigens nicht selbstverständlich (Immerhin haben die Alkomaten der Polizei eine gewisse Fehlertoleranz), erklärt aber wohl die unterschiedliche Berichterstattung. Immerhin spricht der Focus von einem „Atemalkoholwert“ von weniger als 0,5 ‰. Wenn ein Betroffener in das Röhrchen bläst, wird die Atemluftalkoholkonzentration aber in mg/l gemessen und gerade nicht in Promille. Um dies umzurechnen, müssen die mg/l mit 2 multipliziert werden. Warum das so ist, können Mathematiker besser erklären als ich. Jedenfalls ist sehr wahrscheinlich, dass Herr Kreuzer 4,9 mg/l Atemluftalkoholkonzentration ins Röhrchen geblasen hat. Umgerechnet wären das die 9,8 ‰.

Warum erzähl ich das?

Es ist mir ziemlich egal, ob Herr Kreuzer zu Fuß geht, mit der Bahn fährt oder das Auto nimmt. Die verschiedenen Messwerte und Promillegrenzen sorgen aber neben dem Focus auch immer wieder für Verwirrung unter Betroffenen und solchen, die es werden könnten. Es kann nicht schaden, die Grundzüge einmal mehr zu erwähnen.  So soll es ja auch Menschen in anderen Situationen geben, die nach dem einen oder anderen Bier noch fahren. Sollte man nicht, weiß jeder, müssen wir nicht drüber reden. Aber vielleicht hilft es ja, den einen oder anderen Anflug mehr oder weniger gefährlichen Halbwissens in unpassenden Situationen zu vermeiden.

Und wo wir schon dabei sind, zum Schluss noch ein paar kleine Hinweise:

Natürlich gibt es keine Pflicht, in das besagte Röhrchen zu pusten. Niemand muss an seiner eigenen Strafverfolgung mitwirken. Wer die Zeit und Muße hat, die Beamten bei vorliegendem Verdacht ggf. aufs Revier zu begleiten und dort auf den Arzt für die Blutprobe zu warten, kann das tun. Ansonsten bietet es sich hier wie immer an, gar nicht erst mit den Herrschaften von der Polizei zu reden. Die Frage, ob Alkohol getrunken wurde, ist gefährlich. Die Frage, wann der Alkohol getrunken wurde, kann mitunter noch gefährlicher sein, weil sie die Rückrechnung betrifft und augenscheinlich vorteilhafte Antworten, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, schnell zu ziemlich negativen werden können.

Das soll dann jetzt aber auch reichen. Sie sind nicht Herr Kreuzer und Sie würden sich selbstverständlich nicht alkoholisiert ans Steuer setzen. Und das ist auch gut so.

Klolektüre

Paderborn ist sicher immer eine Reise wert. Bislang habe ich das dortige Stadion immer mit dem Auto besucht und mich nachher über den kreativen, gut bewachten Rückweg zum Parkplatz gewundert. Im Nachhinein betrachtet war das meist eine gar nicht so schlechte Idee, besonders wenn man vorm Stadion den Erzählungen über die Geschehnisse am Hauptbahnhof aufmerksam lauschte.

Das scheint auch Paderborns leitender Polizeidirektor Andreas Krummrey getan zu haben. Ihm ist einem Bericht auf den Seiten der GdP zufolge aufgefallen, dass das volle polizeirechtliche Ornat bei vielen „ansonsten friedlichen“ Zuschauern überhaupt nicht gut ankommt. Nach dem Sonderzug in den Kessel, von da die „Übergabe“ an die Kreispolizeibehörde Paderborn und in die Einzel- oder Kleingruppenkontrolle, dann in den Shuttlebus und schon eine Stunde später kann man am Einlass der Arena Schlange stehen. So etwas nervt. Vermutlich gerade die „ansonsten friedlichen“ Fans. Mich jedenfalls würde es nerven. Das sieht auch Herr Krummrey ein und führt den Ärger kurzerhand auf fehlende Toiletten zurück. Es soll zwar im Bahnhof welche geben, aber die sind für Sonderzuginsassen tabu. Zu gefährlich meint die Bundespolizei. Die Gewahrsamsmaßnahmen und den Transport musste man bislang also mit voller Blase überstehen. Seit Herr Krummrey sich nun aber dazu entschlossen hat, Dixi-Toiletten zu organisieren und diese noch im Kessel bereitzustellen, scheint alles wesentlich ruhiger zu sein. Von volksfestartiger Stimmung ob des Anblicks dieser Geräte ist gar die Rede. Ich kann es mir lebhaft vorstellen.

Was auf den ersten Blick kaum ernst zu nehmen scheint, deutet bei näherer Betrachtung auf eine ebenso simple wie bemerkenswerte Wahrheit hin. Von leitenden Polizeibeamten zu lesen, dass es durchaus nachvollziehbare Gründe für den Unmut zahlreicher Zuschauer gibt, die sich aufschaukeln können ist nicht besonders häufig. Viel einfacher erscheint es da, indifferente Vorwürfe gegen vermeintliche Problemgruppen zu erheben. Die Gründe dann zu hinterfragen und sich, bei allem Respekt vor wie auch immer gearteten Erforderlichkeiten, um vernünftige Lösungsansätze zu bemühen, ist wohl noch seltener eine Option bei der Einsatzplanung. Anders ist wohl nicht zu erklären, warum 2014 die Toilettenidee des Polizeidirektors zu

 

Anfragen von Polizeibehörden und Fußballvereinen aus ganz Deutschland

 

führt. Wenn Paderborns Polizeichef damit fertig ist, all diesen Anfragenden zu erklären, wie man Toiletten auf einen Bahnsteig stellt, wünsche ich ihm, dass er diesen Weg fortsetzt und nach weiteren Kleinigkeiten Ausschau hält, die Situationen selbst bei "ansonsten friedlichen" Zuschauern eskalieren lassen können.

Möglicherweise wird dann auch der Rückweg zu meinem Auto nach dem nächsten Besuch in Paderborn weniger kreativ ausgestaltet sein. Den Zug nehme ich weiterhin nicht. Ich habe nämlich auch mit Toiletten keine Lust erst eingekesselt und dann von der Bundespolizei irgendwohin übergeben zu werden.

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